Waldheim in Sachsen
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Blech- und Spielwarenfabrik Georg Kühnrich

Blech- und Spielwarenfabrik Georg Kühnrich



Mitte der 90er Jahre stieß ich bei meinen Recherchen zu einem Zeitungsartikels über das Thema: „Die Industrielle Revolution in der Stadt Döbeln und seinen Umland“ auf einen Blechspielzeughersteller aus dem sächsischen Waldheim.

In einer Anzeige vom 10. Januar 1901 im Anzeiger und Tageblatt Nr. 8 für Waldheim und Hartha wurde unter der Registrierung II. 4/01. bekannt gegeben, das auf Blatt 309 des Handelsregisters für den Bezirk des unterzeichneten Amtsgerichts heute die Firma waldheimer Blech- und Spielwarenfabrik Georg Kühnrich in Waldheim und als deren Inhaber der Kaufmann Herr Friedrich Georg Kühnrich in Waldheim eingetragen worden ist.

Diese Tatsache erweckte natürlich sofort mein Interesse denn ich beschäftige mich schon seit vielen Jahren mit den Blechspielzeugherstellen aus Zschopau und aus Brandenburg. Wie elektrisiert war ich von dem Gedanken, dass sich eine Blechspielzeugfabrik in der unmittelbaren Nähe meines Heimatortes befunden hat.

Am Anfang meiner Nachforschungen ging ich davon aus, dass es sich bei dieser Spielzeugfabrik um eine kleine Fabrik von regionaler Bedeutung handelt, denn der Name dieses Spielzeugherstellers war mir aus der einschlägigen Fachliteratur, von Sammlern und aus Museen bis dahin nicht bekannt. Obwohl immer wieder auf Blechspielzeugmessen, Spielzeugtauschbörsen in Auktionen und in Museen Blechspielzeug auftauchte, das nicht genau zugeordnet werden konnte. Als Hersteller des Blechspielzeuges wurden dann Firmen wie, Rock und Graner oder Ludwig Lutz genannt. Die Bild- oder Objektunterschriften erhielten den Zusatz „ vermutlich“. Das betraf besonders Pferdekutschen und Eisenbahnen, die vom Stil, der Verarbeitung und der Qualität den württembergischen Blechspielzeugherstellern sehr nahe kamen. Doch eine Reihe von Sammlern und Museumsleuten bezweifelten die Herkunft des Spielzeuges aus diesem Raum. Es fehlte ihm etwas die Leichtigkeit der frühen Blechspielzeugjahre.

Ich wand mich mit meinen Fragen zur Firma Kühnrich an die Stadt Waldheim und wurde von dieser in jeglicher Form unterstützt. Der damalige Mitarbeiter im Archiv der Stadt Waldheim, Herr Schuster kannte sich zu diesem Thema sehr gut aus und gewährte mir für meine Nachforschungen Einblick in die Archivunterlagen. Berge von Akten wurden durch gearbeitet und nach und nach kristallisierte sich die Firmengeschichte des Blechspielzeugherstellers Georg Kühnrich und dessen Vorgänger heraus. Besonders schwierig gestaltete sich aber dabei die Suche nach Fotos von Georg Kühnrich , seiner Fabrik und nach Abbildungen der in Waldheim hergestellten Spielzeuge. Ein erstes Foto von Georg Kühnrich fand ich im „Wegweiser für die Spielzeugindustrie“ aus dem Jahre 1925. In einem Artikel mit der Überschrift „Georg Kühnrich, Waldheim/Sa. – waldheimer Blech- und Spielwarenfabrik“ wird diese vorgestellt. Doch Abbildungen des in Waldheim hergestellten Blechspielzeuges suchte ich hier vergeblich. So wandte ich mich an Spielzeugfreunde, Sammler, Händler und Museen. Keiner konnte mir helfen und mir Bilder von diesem Spielzeug vorlegen. Erst der Kontakt mit einem Sammler von historischen Motorrädern aus Chemnitz brachte den Durchbruch. Er interessierte sich nicht nur für Motorräder, sondern auch für Blechspielzeug aus dem sächsischen Zschopau. Er war in der glücklichen Lage, einen Originalkatalog von Georg Kühnrich zu besitzen. Jetzt sah ich dieses Spielzeug das erste Mal und war überwältigt von dessen Vielfalt und Formenschönheit. Der erste Gedanke, der mir aber bei der Betrachtung der abgebildeten Spielzeuge kam, war, diese haben doch große Ähnlichkeit mit dem Spielzeug der Firmen Rock & Graner aus Biberach und Ludwig Lutz aus Ellwangen Aus dieser Tatsache heraus wurden viele neue Fragen aufgeworfen, die ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht beantworten konnte. Noch wusste ich zu wenig darüber, warum das Spielzeug aus dem sächsischen Waldheim dem aus dem schwäbischen Biberach und Ellwangen so ähnlich sahen. Ich wand mich an Dr. Väterlein aus Stuttgart, der mir als hervorragender Kenner des „Biberacher und Ellwanger Blechspielzeuges“ bekannt war. Er hatte sich über viele Jahre als Mitarbeiter des Württembergischen Museums mit diesem Thema beschäftigt und Vieles darüber veröffentlicht. So hatte ich Vergleichmöglichkeiten. Aber die Frage, warum dieses Spielzeug sich so ähnelte, war damit noch nicht beantwortet. Die Antwort musste also in der Geschichte der waldheimer Spielzeugfabrik liegen. So war wieder intensive Archivarbeit angesagt um das Rätsel zu lösen. Langsam begann sich das Bild abzurunden und zu einer industriegeschichtlichen Zeitreise in die Vergangenheit zu werden.
Die im Jahre 1868 erlassene Gewerbefreiheit trug auch in der Stadt Waldheim mit dazu bei, dass viele kleine Fabriken und Handwerksbetriebe entstanden. Diese Ausgangssituation herrschte vor, als mit der Produktion von Blechspielzeug in Waldheim begonnen wurde. Aber nicht Georg Kühnrich war der erste Produzent von Blechspielzeug, sondern die Firma Gebrüder Damm. Sie nahmen die Produktion im Jahre 1876 in Waldheim auf und legten somit den Grundstein für die Blechspielzeugherstellung in der Stadt an der Zschopau.
Sie fertigten in ihrem kleinen Betrieb auf der Bahnhofstraße in Waldheim schlichtes, bunt lackiertes Blechspielzeug. Der Produktionsprozess war sehr einfach gestaltet. Von den Männern wurde die Tätigkeit des Drückens, Pressen und Walzens des Bleches übernommen. Die Frauen erledigten die Arbeiten des Lötens, Zusammensetzens, Malens, Säuberns und Verpackens.Aus dieser Geschäftsanzeige der Gebrüder Damm geht hervor, dass sie ihrer Produkte in einem illustrierten Spielwarenkatalog mit Preisangaben anboten und dass sie mit ihren Blechspielwaren auf der Leipziger Messe durch ein Musterlager in der Petersstraße 2 vertreten waren. Illustrierte Spielwarenkataloge waren ein wichtiges Instrument im Bereiche der Kundenwerbung und im Verkauf. Heute sind diese Kataloge absolute Sammlerraritäten und ein industriegeschichtlicher Zeitzeuge par excellence. Für ihn war es eine ideale Möglichkeit, das umfangreiche Warensortiment den über das ganze Land verteilten Kunden anzubieten, ohne eine große Auswahl an Spielzeugen mitzuführen. Dafür war der Musterkoffer vorgesehen, der eigentlich durch das Musterbuch abgelöst werden sollte. Ganz auf den Musterkoffer konnte man aber nicht verzichten, da er dem Kunden die Möglichkeit bot, das Spielzeug in Originalgröße und in Funktion kennen zulernen. Beide, Musterbücher wie Musterkoffer, ließen in den Anfangsjahren nicht erkennen, von welchem Hersteller das Blechspielzeug angefertigt worden war, denn eine Signierung der Produkte war noch nicht üblich. Aus diesem Grunde ist es heute auch sehr schwer, gerade Blechspielzeug aus dieser Zeit einem bestimmten Hersteller zuzuordnen. Doch zurück zu den waldheimer Blechspielzeugherstellern. Bereits nach neun Jahren gaben die Gebrüder Damm 1885 ihren Spielzeugbetrieb auf. Zu groß waren für sie die wirtschaftlichen Schwierigkeiten.
Eine letzte Eintragung, welche ihre Spielzeugfabrik erwähnt, findet man unter dem Namensregister der Seite 7 mit dem Text „Damm, Curt Otto, Blechspiel - Warenfabrik, Inhaber der Firma Gebrüder Damm“ im Adressbuch der Stadt Waldheim.

Ihre Fabrik wurde von Bernhard Dörffling übernommen und die Produktion fortgeführt.
Dabei kam auch dieser kleinen Firma der wirtschaftliche Aufschwung der zwischen 1840 und 1900 zu verzeichnen zugute. Die Produktion von Blechspielzeug in Deutschland boomte. Auslöser für diese Entwicklung war die industrielle Revolution, sie schuf die Grundlagen für den technischen Fortschritt. Dampfmaschine und Eisenbahn, die großen Erfindungen jener Tage, waren der Motor, der sie vorantrieb. So entstanden neben den großen und bekannten Spielzeugzentren, wie dem mittelfränkischen und württembergischen Raum sowie der Stadt Brandenburg an der Havel, auch in sächsischen Städten Fabriken und kleine Betriebe in denen eine Blechspielzeug in großen Stückzahlen und in guter Qualität hergestellt wurde. Das Blechspielzeug fand seine Vorbilder in der technischen Welt und im Alltag der Menschen. So wird von den Blechspielzeugherstellern die Entwicklungen in den Bereichen Verkehrswesen, Arbeitswelt, oder Freizeitbereich sehr aufmerksam beobachtet und auf die Möglichkeit geprüft, inwieweit die großen Vorbilder im kleinen nachgebaut werden können. Dabei schuf die fortschreitende Industrialisierung nicht nur eine enorme Vielfalt der Vorbilder, sie erweiterte auch mit jeder neuen Erfindung die technischen Möglichkeiten bei der Herstellung des Blechspielzeuges und dessen mechanischen Innenlebens. Der Werkstoff Holz wurde vom Werkstoff Metall abgelöst. Gegenstände aus Metall hielten Einzug in allen Bereichen des täglichen Lebens, so auch in die Spielwelt der Kinder. Mit dem Kauf der Blechspielwarenfabrik durch Bernhard Dörffling wurden von ihm nicht nur die Fabrik, sondern auch die wirtschaftlichen Probleme dieser übernommen. Um den Betrieb aus seinen roten Zahlen herauszuführen, musste Dörffling die marode Fabrik modernisieren und die Produktionspalette erweitern. Er schaffte moderne Stanzwerkzeuge an, damit das Blechspielzeug in einer hohen Qualität und in vertretbaren Stückzahlen produziert werden konnte. Außerdem stellte er eine Reihe von neuen Arbeitskräften ein. Ende der 90er Jahre waren in seiner Fabrik bis zu 50 Arbeiter beschäftigt. Doch alle diese Maßnahmen brachten nicht den gewünschten Erfolg. Die waldheimer Blech- und Metallspielwarenfabrik Bernhard Dörffling erweiterte ihre Produktion um eine Reihe von neuen Spielzeugmodellen, um so auf die wachsende Nachfrage zu reagieren. Gerade die in die neuen Maschinen investierten Gelder trieben ihn immer weiter in den wirtschaftlichen Ruin. Die Anschaffungskosten für diese Produktionsmittel waren enorm hoch. Im Gegensatz dazu lagen die Preise für die produzierten Blechspielwaren oft nur bei wenigen Pfennigen. Hinzu kam der unter den Blechspielzeugherstellern erbittert tobende Konkurrenzkampf und die Preisdrückerei der Kaufleute, welche auch die wirtschaftliche Lage von Bernhard Dörfflings Blechspielwarenfabrik verschlechterten. Ende dieses Jahrzehntes verkaufte Bernhard Dörffling die waldheimer Blech- und Metallspielwarenfabrik an Georg Kühnrich, welcher diese zu einem leistungsstarken Unternehmen ausbaute.Georg Kühnrich wurde am 25. März 1871 in Großstätten bei Rochlitz in Sachsen geboren. Er verbrachte seine Kindheit und Jugend in Erlau, wo seine Eltern einen Gasthof besaßen, der heute noch existiert. Am 8. September 1896 heiratete er Marie Paula Wurmseider aus Chemnitz. Aus der Ehe gingen drei Töchter hervor. Mit seiner Familie übersiedelte er nach Waldheim, wo er 1900 mit der Produktion von Blechspielzeug begann.
Welche Erfahrungen er bei der Leitung einer Blechspielwarenfabrik bereits gesammelt hatte, lässt sich heute nicht mehr belegen. Eins steht aber fest, mit der Übernahme der wirtschaftlich maroden Fabrik von Bernhard Dörffling bewies Georg Kühnrich viel unternehmerischen Mut und große Risikobereitschaft. Sein Vorgänger Bernhard Dörffling hatte sein eigenes Vermögen eingesetzt und verloren um die marode Spielzeugfabrik und deren Einrichtung zu verkaufen. Mit nur 18 Arbeitern begann er, dieses kleine Unternehmen wieder auf wirtschaftlich solide Beine zu stellen. Durch kluges Wirtschaften gelang es dem Unternehmer und Blechspielzeugfabrikanten Kühnrich, den Umsatz zu erhöhen und den Betrieb auf Erfolgskurs zu bringen. 1902 präsentierte sich die „Waldheimer Blech-u. Spielwarenfabrik G. Kühnrich. (früher Bernh. Dörffling)“ mit seiner Firma das erste Mal auf der Leipziger Ostermesse. In einer Anzeige aus dem Adressbuch dieser Messe werden neben dem „Messelokal: Universitätsstraße 23/24. II. Siberner Bär, rechts und vom Fahrstuhl“ auch die ständigen Musterlager: „Waldheim i. S.: Bahnhofstraße 17. Berlin: b. Hrn. G. F. Hertzog & Co., Stallschreiberstraße 27/28. Hamburg: bei Herrn Nestler & Co. Hopfenmarkt 1. Nürnberg: bei Herrn G. Neif, Brunnengässchen 15. Paris: bei Herrn Henry Bauer, Rue de Trévise 22, Amsterdamm: bei Herrn A. S. Polak, Gelderschekade 62“ genannt. (Quelle: Bodo Schenk)
Bei der Firma Clemens Eger in Waldkirchen kaufte Kühnrich Zubehörteile zu Papiermachétieren und Figuren. Durch Lieferschwierigkeiten der Firma Eger sah sich Kühnrich gezwungen, die Produktion in Waldkirchen 1903 unter seine Regie zu nehmen, bis er 1909 die Produktion in die inzwischen in Waldheim neugebaute Fabrik verlegte.

Produktionsfördernd wirkte sich auch der Aufkauf der Maschinen und Fabrikationseinrichtungen der Firma Oswald Pohl 1904 und der Firma Rock und Graner im Jahre 1905 aus. Mit der Übernahme dieses „schwäbischen Spielzeugnachlasses“ übernimmt Kühnrich zum Teil auch den Rock und Graner- Stil. Somit ist das Geheimnis gelüftet warum sich das sächsische und das schwäbische Spielzeug so ähnlich sehen.

Die Spielzeugfabrik Rock und Graner aus dem schwäbischen Biberach an der Riß gehörte zu den ältesten Herstellern von Blechspielzeug in Deutschland. 1813 wurde die Firma gegründet. Sie ging aus dem seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bestehenden Handelshaus Wißhack hervor. Unter dem Firmenzeichen, einem im kreisrunden Feld heraldisch stilisierten steigenden und gekrönten Biber, der eine Fahne mit der Inschrift „R.“ und „G.N/1813“ in seinen Vorderpfoten hält, wurden schöne Spielsachen aus Blech gefertigt. Puppenstuben, Puppenstubeneinrichtungen, Burgen, Bodenläufereisenbahnen und feingestaltete Pferdegespanne von der einfachen Kutsche bis hin zur vornehmen Kalesche gehörten zum Produktionsprogramm von Rock und Graner. Etwa ab 1895 wurde dann in dieser schwäbischen Blechspielzeugfabrik mit der Produktion von Eisenbahnspielzeug in den Spurweiten II, I und 0, die durch Uhrwerk angetrieben wurden, begonnen. Trotz dieser ausgezeichneten Qualität des Spielzeuges begannen Ende des 19. Jahrhunderts die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Firma. Neben Absatzproblemen gelang es Rock und Graner nicht, den Sprung von der rein handwerklichen Produktion zur rationellen industriellen Fertigung zu vollziehen. Ein Problem, das auch für eine Reihe von sächsischen Blechspielzugfabrikanten zum wirtschaftlichen Aus führte. 1904 liquidierte der damalige Besitzer der Firma Rock und Graner Nachfolger, Oskar Egelhaaf, den Betrieb und verkaufte die Produktionsmittel der stillgelegten Firma.

Obwohl aus den beiden übernommenen Fabriken nur wenig praktisch verwendet werden konnte, flossen eine Reihe von Gestaltungselementen und technischen Standards, besonders vom schwäbischen Blechspielzeughersteller Rock und Graner in das Blechspielzeug von Georg Kühnrich ein. Durch den Zuwachs an Produktionsmitteln war der alte Betrieb zu klein geworden. Kurz entschlossen errichtete Georg Kühnrich auf der Industriestraße (Eichberg) 1905 bis 1906 eine neue Fabrik mit eigener Kraft- und Lichtanlage, die in vier Sälen von 50 mal 12 Metern Fläche und dazu gehörigen Niederlassräumen am 1. Januar 1906 die gesamte Fabrikation aufnahm.

Erwähnenswert ist in diesen Zusammenhang die Tatsache, das 1947 noch einmal Spielzeug in einem kleinen Teil dieser Fabrik produziert wurde. Heinrich Huft hatte seine Produktion von Steckbausteinen die unter dem Namen „BOB“ – Abkürzung für“ Bauen ohne Bindemittel“ bei Bellmann und Seifert untergebracht. In der DDR war dieses kreatives Spielzeug aus Waldheim zu einem sehr beliebt.
Kühnrich widmete sich auch in den folgenden Jahren dem weiteren Ausbau seines Betriebes, dabei gab es so manches Problem zu bewältigen. Doch nicht nur gegen innerbetriebliche Schwierigkeiten hatte er zu kämpfen. So machte der Vorbesitzer des Betriebes, Dörffling, mit einem Stanzenhauer und einem ehemaligen Werkführer von Kühnrich ein Konkurrenzunternehmen, Sattler & Büttner in Hartha auf. Diesem Unternehmen war aber wenig Erfolg beschieden, so dass es von Kühnrich 1909 aufgekauft werden konnte, was zu einer weiteren Stärkung der Blechspielwarenfabrik von Georg Kühnrich führte. Die waldheimer Blech- und Spielwarenfabrik hatte sich nach und nach zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor in der Stadt entwickelt. Die Produktionszahlen stiegen stetig und die Zahl der beschäftigten Arbeiter erhöhte sich im Jahr 1913 auf ca. 160. Die Produktionspalette der Spielwarenfabrik von Georg Kühnrich war sehr umfangreich. Neben den sich an traditionelle Vorgaben orientierenden Spielzeugen wurden auch „modernes“ Spielzeug hergestellt.

Diese Spielzeuge aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg besticht durch seine Detailtreue und die gute Qualität in der Verarbeitung. So sind zum Beispiel die Räder bei den Fahrzeugen aus Eisen und nicht wie nach 1918 aus gedrücktem Blech. Blechspielzeug aus der Zschopaustadt ging in viele Länder der Welt, denn der Exportanteil der waldheimer Blech- und Spielwarenfabrik, lag bei ca. 65 %. Es machte die Stadt Waldheim weit über seine Grenzen hinaus bekannt und es trug mit dazu bei, den Weltruf Deutschlands als wichtiges Spielzeugherstellerland zu festigen. Dieser Entwicklung wurde mit Beginn des ersten Weltkrieges ein jähes Ende gesetzt. Die für die deutsche Blechspielzeugindustrie so wichtigen Märkte, z.B. in Frankreich oder England waren nicht mehr erreichbar. Für Georg Kühnrich bedeutete der Beginn des Ersten Weltkrieges den Zusammenbruch des so wichtigen Exportgeschäftes und den Verlust der gesamten Auslandsaußenstände, welche fast die Höhe des buchmäßigen Vermögens der Firma ausmachten. Hinzu kam die ständige Sorge, dass seine ausgebildeten männlichen Fachkräfte im wehrfähigen Alter oder auch er aus dem Betrieb herausgezogen wurden, weil sie in den Krieg ziehen mussten. Dies hatte natürlich verheerende Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation der waldheimer Spielwarenfabrik. Der Betrieb musste seine Produktion von Blechspielzeug auf Konservendosen und Munitionskasteneinsätze umstellen. Trotz dieser schlechten Bedingungen richtete Kühnrich 1916 eine Maschinenfabrik, die er nach dem Kriege erweiterte, ein. Gleich nach Beendigung des Ersten Weltkrieges 1918 nahm Kühnrich die Produktion von Blechspielzeug wieder auf. Seine Belegschaft war inzwischen auf 250 Personen angestiegen. Bald belieferte er wieder seine Kunden mit Blechspielzeug aus Waldheim in Nah und Fern. Dabei waren die Voraussetzungen in der Nachkriegszeit nicht einfach. Bedingt durch schlechte Materialien und Lacke wurde die Qualität des vor dem Krieg gefertigten Spielzeuges nicht erreicht, doch ein neuer Anfang war getan. Der technischen Fortschritt der trotz der Nachkriegswirren weiter voranschritt veränderte das Verkehrswesen in all seinen Bereichen. Pferdefuhrwerke, Pferdekutschen und Pferdebahnen wurden von neuer Verkehrstechnik verdrängt.
Benzin getriebene Personenkraftwagen, LKWs oder elektrische Straßenbahnen eroberten die Straßen. Der Spielzeugfabrikant Kühnrich reagierte auf diese Entwicklung mit der Erweiterung seines Spielzeugangebotes. Die Modellvielfalt der mechanischen Spielwaren wie Autos, Straßenbahnen und Eisenbahnen wurde erweitert.

Anfang der 20er Jahre war eine Aufwärtsentwicklung zu erkennen. Jetzt konnte sich Kühnrich einen lang gehegten Wunsch erfüllen. Er richtete eine eigene Stanzenbauerei ein, so dass von der Blechbearbeitungsmaschine bis hin zum Spielzeug aus Blech alles unter einem Dach produziert werden konnte. So war die waldheimer Spielwarenfabrik bestens für die neuen Anforderungen gerüstet.

Das in seiner Werbung offerierten Angebot war sehr vielseitig. Es beinhaltete folgende Produkte:

BlechspielwarenAlle Arten Fuhrwerke, Wasser-, Sand-, Milch-, Bier-, Fracht-, Petroleum-, Obst-, Markt-, Postwagen, Trambahn, Elektrische, Chaisen, Kremser etc. Puppenzimmer, - wagen, -möbel, - schaufeln, - spiele, - wannen, -klosetts, -waschtische. Waschgarnituren etc., Sandkarren, Eimer, Gießkannen

Mechanische SpielwarenAutos, Elektrische, Feuerwehren, Figuren etc. Elektrische und Eisenbahnwagen auf Schienen

AntriebsmodelleDie gangbarsten Modelle der altrenommierten, in meinem Betrieb übergegangene Firma Heino Becker, Zschopau, in neuer Bearbeitung und Lackierung, wie Bagger, Mühlen, Hammerwerke, Handwerker, Bohrmaschinen, Reitschulen, Transmissionen etc.

Metallmassenartikelgeschnitten, geprägt, gefalzt, gelötet; hart gelötet, elektrisch geschweißt; maschinen-, print- und handlackiert; Rohrschellen, Rohrmuffen, Verteiler, Sicherungskapseln, Schilder und Schildhalter

BlechemballagenKonservendosen, Verpackungsdosen zum Falzen. Übersteck- und Eindrückdeckeldosen. Sidolflaschen, Kannen, Kanister, Hobbocks

Stanzen- und WerkzeugbauSchnitte, Prägungen, Gießformen nach Muster, Modell oder Zeichnung

PapiermachéspielwarenPferde, Ochsen, Hunde, Esel, Ziegen, geschirrt. Zum Anspannen und ausgeschirrt. Weiden, Jagden, Kutscher, Schaffner, Feuerwehrleute, Kondukteure, Fußballspieler, Ladendiener etc.

Metallzugabeartikelgeprägte Blechartikel, Löffelchen, Messer, Gabeln, Schaufeln, Teller, Schüsseln, Pfannen. Gegossene Gegenstände, Bürsten, Hammer, Stiefel, Beile, Äxte, Spiegel, Hobel, Feilen, Sägen, Stare etc.

Spielwareninstallationgestanzte Räder, Schnallen, Schaufeln, Sensen, Spiegel- und Bilderrahmen, Glöckchen, Becher. Gegossene Räder für Wagen. Transmissionen, Antriebe, Hörner. Gelötete Tonnen, Milchkanne, Eimer, Gießkannen, Krüge etc.

Metallartikel für BuchfabrikationRahmen, Schienen, Ecken, Klammern, Ringe, Schriften, Anhänger, Scharniere, Klipps, Kalenderblockhalter für Tage- und Monatskalender, Plakatstäbe, Schienen und Schutzleisten

MaschinenbauHobel-, Fräs- und Shapingmaschinen zum Werkzeugbau und Reparatur, Fußtrittpendelpressen, Kniehebelpressen für Blechbearbeitung, Handspindelpressen, Schraubstöcke, fest und drehbar, Einspannfrösche, Vorgelege etc.

Nach dem Ersten Weltkrieg kam eine neue Art von Blechspielzeug auf, einfacher in der Qualität und billiger zu produzieren. Der Produktionsprozess wurde immer mehr von Maschinen übernommen. An die Stelle der Handpresse trat die große Stanzmaschine, der Lötkolben wurde durch die Heftmaschine abgelöst, und der billige dauerhafte Blechdruck, die Chromlithographie, machte das zeitraubende und viele Arbeitskräfte erfordernde Handlackieren häufig überflüssig. Dieses einfache Blechspielzeug, es erhielt den Namen Pfennigspielzeug, da es für wenig Geld zu haben war, wurde auch bei Kühnrich in größeren Stückzahlen produziert, so z.B. Spardosen aus Blech. Das geht aus einer Eintragung des Deutschen Spielwarenadressbuches von Nürnberg aus dem Jahr 1922 unter der Abteilung III Alphabetisches Branchenverzeichnis, Seite 211, hervor. In den zwanziger Jahren erweiterte Kühnrich seine Blechspielzeugangebot durch eine Reihe von Antriebsmodellen die früher bei der alt renommierten Spielzeugfabrik von Heino Becker im sächsischen Zschopau produziert wurden waren. Kühnrich hatte die Fabrik von Heino Becker übernommen und aus der alten Produktionspalette die gangbarsten Modelle herausgesucht. Sie wurden neu bearbeitet und die Lackierung der Spielzeuge wurde verbessert. Zu dem erweiterten Angebot gehörten Bagger, Mühlen, Hammerwerke, Handwerker, Bohrmaschinen, Reitschulen, Transmissionen und andere Antriebsmodelle.

Mitte der 20er Jahre hatte das Waldheimer Blechspielzeug einen hohen Qualitätsstandard und eine große Vielfalt erreicht. Dokumentiert wird diese Leistungsstärke in dem illustrierten Preiskurant der Waldheimer Blech- und Spielwarenfabrik von Georg Kühnrich, welcher nach Aussage der Zeitschrift „Wegweiser der Spielwarenindustrie“ aus dem Jahr 1926 zu den schönsten Spielwarenkatalogen zählt und 2000 verschiedene Artikel beinhaltet. Die Blechspielwarenfabrik von Georg Kühnrich steht zu dieser Zeit im Zenit ihres Erfolges und ihrer wirtschaftlichen Leistungskraft.

Wie Zeitzeugen berichten, brachte eine Bürgschaft, die der Fabrikant Georg Kühnrich geleistet hatte, ihn in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten, die im Bankrott der Firma gipfelten. Mit der Einstellung der Produktion der Waldheimer Blech- und Spielwarenfabrik von Georg Kühnrich verlor die Stadt Waldheim einen wichtigen industriellen Erwerbszweig und eine lukrative Exportquelle. Die Menschen die durch ihre fleißige Arbeit den Betrieb am Leben erhalten hatten, waren plötzlich ohne Lohn und Brot.Mit großer Anteilnahme nahmen die Bürger der Stadt Waldheim von ihm Abschied, denn Georg Kühnrich war nicht nur ein sozial eingestellter Fabrikant, sondern auch ein Bürger, der aktiv an dem gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben, z.B. als Krankenkassenvorstand oder anerkannter Autor von Beiträgen über Lohn und Arbeitsgesetze, seiner Heimatstadt teilnahm. Georg Kühnrich von der Aufbruchstimmung der Gründerzeit geprägt, in der sich kaufmännische Geschicklichkeit mit unternehmerischer Weitsicht und Willen zum Erfolg vereinten.

Über viele Jahre waren seine Blechspielzeuge und seine Person im Nebel der Geschichte versunken. Erst mit der Wiederentdeckung seines Blechspielzeuges, begann sich auch das Interesse an dem Blechspielzeugfabrikanten und an dem Mensch Georg Kühnrich zu verstärken. Dieser Artikel ist ein Beitrag dazu. Er soll das Andenken an die Menschen bewahren die in Waldheim Spielzeug hergestellt haben.

Dipl. Museeloge Peter Ertel